Bin ich eine Pferdeflüsterin und was bedeutet das überhaupt?

Ich lerne jemanden kennen und erzähle von meinem Beruf. „Pferdetrainerin, interessant. Was machst du da genau?“ Ich beginne zu erklären …

Kurzer Einwurf: Es heißt ja immer, man soll in zwei, drei kurzen Sätzen erklären können, was man tut. Für mich ist das eine unlösbare Aufgabe 😅 Wie geht es dir damit?

Aber zurück zur Geschichte. Irgendwann höre ich fast immer den Satz: „Ah, du bist also Pferdeflüsterin?“

Früher wusste ich nicht recht, was ich darauf antworten sollte. Was bedeutet das Wort für mich, und was versteht mein Gegenüber darunter? Die meisten denken zuerst an den Film von Robert Redford, manche an Horsemanship, andere an etwas Mystisches, Geheimnisvolles. Fast alle stellen sich ein wildes, unberechenbares, gefährliches Pferd vor, dem jemand etwas zuflüstert, und plötzlich ist es auf unerklärliche Weise wie ausgewechselt und „zahm“.

Wenn man mich bei der Arbeit beobachtet und nicht weiß, was da passiert, oder besser gesagt: nicht sieht, was da passiert, stimmt diese Vorstellung sogar. Es ist nicht nur einmal vorgekommen, dass ich in einem Stall mit einem „schwierigen“ Pferd und seiner Besitzerin gearbeitet habe. Am Anfang sammeln sich Zuschauer, die die „Show“ sehen wollen. Im Laufe des Trainings werden sie weniger, weil es „langweilig“ ist, dabei zuzusehen, wie „nichts“ passiert.

Mich berührt es jedes Mal aufs Neue tief, wenn Pferd und Mensch sich endlich zuhören und miteinander in Kommunikation gehen. Es ist ein wundervolles Erlebnis. Trotzdem steckt kein Zauber dahinter, sondern viel Wissen, Feingefühl und gutes Timing. Das ist nichts Unerreichbares und keine Gabe, mit der man auf die Welt kommt. Es ist erlernbar, und zwar für jeden.

Pferde kommunizieren ständig. Die meisten Menschen übersehen diese Signale, weil ihnen nie jemand gezeigt hat, worauf sie achten müssen. Das Leben mit Pferden kann so unkompliziert und harmonisch sein, wenn man nur weiß wie.

Ich wusste es am Anfang meiner Reise auch nicht. Ich hatte ein Gefühl in mir, eine Vorstellung davon, wie es sein sollte, aber kein Mensch hat mich dorthin gebracht. Die Einzigen, die beständig ihre Stimme erhoben haben, waren die Pferde, und ich habe darauf vertraut, dass sie es besser wissen müssen.

Viele Menschen, denen ich auf meinem Weg begegnet bin, tragen diese tiefe Liebe und Verbundenheit zu Pferden in sich. Sie nehmen den Schmerz, der oft damit einhergeht, in Kauf, um nicht auf ein Leben mit ihnen verzichten zu müssen. Auch ich wurde oft mit Urteilen und Meinungen überschüttet, und es war nicht immer leicht, diesem Gefühl treu zu bleiben. Der Sturkopf meines Pferdes Angel und mein eigener haben mich glücklicherweise dranbleiben lassen.

So habe ich mir über die Jahre das Wissen angeeignet, das mir anfangs gefehlt hat und das mein Gefühl Stück für Stück bestätigt hat. Je mehr ich lernte, desto klarer wurde das Bild und desto leichter und selbstverständlicher wurde die „Arbeit“ mit den Pferden. Es ist wie mit einer Fremdsprache: Anfangs ist es holprig, schwierig und fühlt sich unnatürlich an. Je länger man sie praktiziert, umso einfacher wird es.

Das Fazit der ganzen Geschichte: Wenn mich heute jemand fragt „Ah, du bist also Pferdeflüsterin?“, kann ich aus tiefem Herzen und voller Überzeugung antworten: „Ja, ich bin die, die die Pferde flüstern hört!“

Alles Liebe und bis zum nächsten Mal 🤎

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